Jetzt also doch!

Endlich konnte ich zwei Dinge zum Besten geben, für die wir Deutschen bekannt und beliebt sind: Demokratie und Verdauungsprobleme.  Seit drei Tagen wohn ich gemeinsam mit vielen Mitarbeitern der Organisation, die von außerhalb kommen, in einem Hotel im Zentrum der Stadt. Für einige Tage versammeln sich hier alle, da die Struktur des PVCHR reformiert und demokratisiert wird. Und ich musste Wahlbeobachter sein und für einen korrekten Ablauf der Wahl sorgen. Die Wahl ging gut aus. So wie Dr. Lenin es sich wünschte.

Deutsches Exportgut Nummer Eins: Faire und geordnete Wahlen

Dann kam das Essen und später viel Output meinerseits. Doch es geht schon wieder ein bisschen besser. Dank Maria. Sie kommt aus Madrid und ist für einen Monat in Varanasi um dasselbe zu machen wie ich.  Sie war im Sommer aber schon mal hier, deshalb kennt sie sich aus und besorgte mir bei der Apotheke gute Medikamente und jetzt kann ich wieder ruhig sitzen.

Was gelernt vom IfP

Bisher habe ich ja viel gesehen und erfahren (war sogar schon im Bollywoodkino – wenig verstanden aber sehr viel Blut), jedoch wenig gearbeitet. Gestern konnte ich mich zum ersten Mal nützlich machen und meiner Aufgabe nachkommen, die mich auch in den nächsten Wochen noch erfüllen wird: Journalist sein. Ich soll Artikel über die Menschen schreiben, für die und mit denen das PVCHR arbeitet, damit die Geldgeber und alle anderen erfahren, was hier passiert. In Englisch natürlich. Gestern also war ich gemeinsam mit Upendra in einer Schule im Herzen des Stadt, an der nur Muslime unterrichtet werden. Die Muslime sind in Indien vielerorts ebenso verachtet wie die niederen Kasten. Die meisten Kinder der Schule stammen aus einer Weberfamilie, sind dementsprechend arm. Denn Weber gibt es in diesem Viertel 10.000sende, die meisten von ihnen verdienen am Tag 100 Rupie, umgerechnet drei Mark.

Es war eine krasse Erfahrung. Die Kinder waren völlig aufgedreht, während der Direktor uns durch die Klassenzimmer führte. Die Bilder drücken die Bedingungen dort glaub ich sehr gut aus, aber alle Kinder schienen groß amüsiert. Ich habe dann noch fünf der 18 Mädchen interviewen dürfen, die ein Stipendium durch das PVCHR erhalten. Ich hätte niemals so selbstbewusste Mädchen erwartet. Sie alle waren aber sehr gesprächig und haben den Wunsch, später Lehrer werden um etwas zu verändern. Sie wissen aber auch ganz genau, dass die meisten von ihnen letzendlich doch Weber werden. So wie ihre Eltern, ihre ältere Geschwister, die Großeltern und alles was davor kam. Im Gegensatz zu ihren Eltern können sie jetzt aber schreiben, gut rechnen und sogar ein paar Sätze Englisch. Möglicherweise ein erster Schritt.

Wir haben auch den Vater einer der Mädchen besucht und mit ihm gesprochen. Stets verfolgt von einer Traube kichernder und interessierter Inder. Seltsame Situation das ganze.

Zum Schluss noch was lustiges: Hab heut den Bruder von Dr. Lenin kennen gelernt. Sein Name: Ché Guevara (der Vater ist überzeugter Kommunist und kosequent).

Für alle Interessierten, den Artikel gibts hier:

Mai germany se hun

Hey,

jetzt sind also doch schon ein paar Tage rum und ich fuehle mich sehr wohl. Ich verstehe den Dialekt besser und bewege mich einigermassen entspannt durch die Strassen. Meine Gedanken sprechen zunehmend englisch und ich versuche viele Witze zu machen, denn ich habe festgestellt, dass Lachen am meisten verbindet. Schoene Erkenntnis. Mein Hindiwortschatz ist bereits auf 13 angestiegen. Nach knapp einer Woche habe ich einiges ueber die Arbeit des PVCHR begriffen und die Notwendigkeit dieser Arbeit, denn hier laeuft doch vieles falsch, selbstverstaendlich auch  in der Politik. Heute waren Wahlen auf Landes und Kommunalebene. Viele Polizeikontrollen und Angst vor Gewalt – Waehler werden mit Schnapps angeworben – ein Viertel der zur Wahl stehenden Politiker wurden bereits schon einmal vor Gericht verurteilt, ein Grossteil von ihnen nicht wegen netten Dingen wie Erregung oeffentlichen Aergernisses, sondern wegen Mord, Waffengewalt und Korruption. Aber die oberen Kasten haben die Wahlen fein im Griff, deshalb stellen solche Verurteilungen kein Problem dar.

Aber es ist auch vieles schoen hier und ich will mal mehr Bilder zeigen! Und ein Video hab ich auch ins Netz rein getan. Rikscha fahren mit Upendra. Hier:

http://www.youtube.com/watch?v=qIA0K7Lwu7c

Upendra arbeitet auch fuer das PVCHR, zeigte mir gestern abend seine Wohung wir haben gegessen, fern gesehen (die Leute schauen uebrigens alle BigBrother und Wer wird Millionaer. Alle. Sofern sie einen Fernseher besitzen) und  waren am Ganges. Er als Hindi hat da einiges zu erzaehlen. Zum ersten Mal seit meiner Ankunft hab ich dort auch Nicht-Inder gesehen, es war ein seltsamer Anblick.

Im Folgenden ein paar Impressionen:

Kinder die immer vor unserem Haus rumhaengen und jedes mal laut anfangen zu lachen wenn sie mich sehen

Hier wird eine Autoahn mitten durch die Stadt gebaut

 Menschen aus Bangladesh. Sie kommen illegal nach Indi  en, die Politik ignoriert aber duldet sie. Die meisten arbeiten als Muellsammler, den Muell bringen sie dann zu Muellverwertungs-anlagen gegen ein geringes Geld. Die Betreiber der Wiederverwertungsanlagen kommen meist auch aus Bangladesh.

Menschen aus Bangladesh. Sie kommen illegal nach Indi en, die Politik ignoriert aber duldet sie. Die meisten arbeiten als Muellsammler, den Muell bringen sie dann zu Muellverwertungs-anlagen gegen ein geringes Geld. Die Betreiber der Wiederverwertungsanlagen kommen meist auch aus Bangladesh.

Kind beim Drachensteigen und viel Muell den man einsammeln kann. Kleine Drachen haengen hier ueberall in der Luft. Auf dem Bild ist er irgendwo in der Mitte versteckt.

Kind beim Drachensteigen und viel Muell den man einsammeln kann. Kleine Drachen haengen hier ueberall in der Luft. Auf dem Bild ist er irgendwo in der Mitte versteckt.

Dass Wahlen in Indien keine lustige Angelegenheit sind, zeigt dieses plakat

Dass Wahlen in Indien keine lustige Angelegenheit sind, zeigt dieses plakat

Ansari und Stephan im Office. Der Typ auf dem Bild im Hintergrund mit dem Hut auf dem Kopf ist sowas wie der indische Che. Name entfallen.

Ansari und Stephan im Office. Der Typ auf dem Bild im Hintergrund mit dem Hut auf dem Kopf ist sowas wie der indische Che. Name entfallen.

Ich habe mich uebrigens sehr ueber die vielen Kommentare gefreut und hoffe ich kann euch die naechsten Monate mit kleinen Farbtupfern erfreuen. Bis bald!

Sdepan

Angekommen

Jetzt bin ich da. Ich weiß nicht wie genau sich Kulturschock anzufühlen hat, aber ja, dieses Land ist wahnsinnig. Zumindest diese Stadt. Eigentlich wollte ich in diesem Plock ja überwiegend mit Geschmacksproben arbeiten, kleinen netten Anekdoten und bunten Bildern die entzücken aber nicht erschlagen, aber im Moment bin ich  rede bedürftig, deshalb fang ich mal so an: Was bisher geschah: Nach langem Flug kam ich schlaflos morgens um 4 Uhr Ortszeit in Neu Delhi am Flughafen an. Amar, ein Freund von Helma Ritscher, der Frau aus Remscheid, die mir den Kontakt zur Menschrechtsorganisation PVCHR überhaupt erst ermöglicht hatte, holte mich am Flughafen ab. Freundlich lächelnd stand er da zwischen hunderten anderen Indern die da am Eingang standen um Neuankömmlinge in ihre Rikschas und Taxis zu lotsen. Da mein Flug nach Varanasi erst acht Stunden später starten sollte, fuhr er mich durch die Stadt und erklärte mir viele Dinge in überraschend gutem Deutsch. Ich machte erste Erkenntnisse.

Hier gehts noch

Der Verkehr auf Indischen Straßen funktioniert, aber ich kann absolut nicht nachvollziehen wie: Rikschas, Menschen, Hunde und Autos überall und es ist nur unlogisch, dass es nicht ständig überall kracht. Ich war sehr sehr beeindruckt, doch ich kannte zu dem Zeitpunkt den Verkehr in Varanasi noch nicht. Ich sah auch viele Menschen die irgendwo auf der Straße schliefen, heruntergekommene Gebäude direkt neben Luxushotels, kämpfende Hunderudel und ich nahm mein erstes indisches Frühstück zu mir. Dann ging irgendwann mein Flieger und nach einem weiteren schlaflosen Flug und einem verwirrenden Gespräch mit zwei koreanischen Buddhisten kam ich schließlich in Varanasi an.

Stromausfall während ich am „Gepäckband“ warte. Dann irgendwann wieder Licht und ich geh raus, wo zwei Mitarbeiter der Organisation auf mich warteten. Opendra, der eine von beiden fing gleich  damit an mir auf indischem Englisch alles zu erzählen (Nach zwei Tagen habe ich mich ein wenig dran gewöhnt, aber es ist tatsächlich ein anderes Englisch das hier gesprochen wird, manchmal muss ich  lachen wenn ich nach zweimaligem Nachfragen verstehe welches Wort sich hinter dem Akzent versteckt. Andersherum genauso). Ich saß mit Opendra auf der Rückbank, während Radschu das Auto lenkte. Ich mag Radschu sehr. Er kann zwar kaum Englisch, aber ich liebe seine Art Auto zu fahren. Absolut krank. Der Verkehr in Varansi ist für jedes deutsche Verkehrsverständnis absurd. Aber er funktioniert (wobei Dellen in jedem Auto und zahllose offene Tierleichen am Straßenrand von gewissen Reibungen zeugen). Ich will nicht mit Beschreibungen des indischen Verkehrs langweilen, Worte dafür find ich sowieso nicht, aber symbolisiert alles, was ich bisher von diesem Land kennen lernen durfte. Während man mit offenen Mund daneben steht und keine Ahnung hat wie das Leben hier funktionieren soll, nimmt doch alles irgendwie seinen Lauf. Die Menschen leben in heruntergekommen Häusern oder Huetten. Diejenigen, die vom Land kommen, um in der Stadt zu arbeiten, leben unter Brettern oder einfach da wo der Boden ihnen Platz bietet. Müll und Dreck überall. Hunde und Kinder. Händler in ihren kleinen Buden, in ihren Auslagen gerade mal ein Korb Äpfel oder irgendwelchen Plastikkram.Völlig abgemagerte alte Männer die mühevolle die Pedale ihrer Rikschas treten, auf der Ladefläche einen Berg aus Backsteinen, Kinder in Schuluniformen, viele Eindrücke.

Wo bin ich eigentlich? Die Organisation PVCHR, für die ich die nächsten drei Monate arbeiten werde, hat ihren Sitz nördlich des Stadtzentrums. Hier gibt es keine Touristen

Stromversorgung

Stromversorgung im Buero

und Auslaender. Es arbeiten rund 15 Leute hier, allesamt Inder mit guten bis überhaupt keinen Englischfähigkeiten. Im Erdgeschoss sind vier Büros untergebracht, gefüllt mit Laptops und Computer jeder Generation. Der Gründer und Leiter der Organisation – Dr. Lenin – wohnt zusammen mit seiner Frau Shruti und dem Sohn Cabid im ersten Stock. Auf dem Hausdach wohnen zwischenzeitlich die Bauarbeiter, die gerade am Anbau des Büros arbeiten. Ich habe ein Zimmer im ersten Stock mit Ventilator und Eidechsen an der Decke. Dazu eine Matratze und Wireless-Lan Verbindung. Die Haushälterin Dadi kocht und bringt mir ständig neuen Chaitee vorbei. Ich bin mir noch nicht sicher inwiefern ich das ablehnen darf ohne damit zu beleidigen. Aber eigentlich gibt es dazu auch keinen Grund, denn das zeugs schmeckt super.

Dr. Lenin ist ein absoluter Glücksfall für mich. Sein Englisch ist passabel, aber seine Gedanken und Aktionen faszinierend. Er ist der Sohn eines extrem kommunistischen Vaters und stammt aus einer sehr hohen hinduistischen Kaste. Da er jedoch das Kastendenken ablehnt ist er mittlerweile Budhist und überzeugter Demokrat. In Varanasi ist er wegen seinem Kampf fuer die unteren Kasten und Gleichberechtigung ein sehr angesehener, bei einigen aber auch unbeliebter Mann. Im Dezember fliegt er für eine Woche nach Deutschland, weil er in Weimar den Menschenrechtspreis dieser lieben thüringischen Stadt erhält.

Dr. Lenin und Shruti

Shruti und Dr. Lenin

Der Dok  ist sehr herzlich zu mir und erklärt mir alles von dem ich einiges verstehe. Aber es wird besser. Gestern hat er mich mitgenommen in ein Krankenhaus (Radschu fährt uns immer überall hin, er  ist sein persönlicher Fahrer), dort liegt die Mutter einer seiner engsten Mitarbeiterinnen. Sie hatte einen Herzinfarkt nachdem dem zwei Tage zuvor der Vater ebenfalls an einem Infarkt gestorben war. Der Mutter geht es wieder besser, sie konnte sogar lachen als wir da mit Teilen ihrer Familie standen und Chaitee tranken. Ich verstand den Witz nicht, denn alle reden hier Hindi, aber ich fand es komisch, dass ich als einziger einen Stuhl hatte auf dem ich sitzen musste. Dr. Lenin drängte mich dazu. Es kam bisher schon öfters zu solchen Situationen, als Europäer ist man was anderes, wird ständig betrachtet, belächelt und Kinder starren einen mit offenem Mund an. Die Bilder von Patienten und Zuständen, die mir aus dem Krankenhaus im Kopf hängen geblieben sind, möchten hier nicht erwähnt werden.

Abends Whisky mit Dr. Lenin.

Heute waren wir in einem Dorf bei einer muslimischen Familie. Es ist die Familie von Savana, der Mitarbeiterinnen, deren Mutter wir vortags im Krankenhaus besucht hatten. Wir haben Savana dort hingebracht und sind dann noch einige Stunden geblieben. Es ist schon seltsam wenn man kein Wort versteht von dem was um einen gesprochen wird, aber so bleibt mehr Zeit zu beobachten. Überraschenderweise sind es meistens die Kinder, die einen dann doch mit ein paar Worten Englisch ansprechen. Notiz: Ich will Hindi lernen, ich habe bereits angefangen fleißig Worte zu notieren. Es gab süßen Reis, irgendwelches Fleisch mit ner super Soße und Phulka (Brot). Wir aßen mit der Hand. Ich verkrampft nur mit der rechten, die anderen mit beiden. Übrigens habe ich Klopapier und eine Dusche. Luxus dank Dr. Lenin.

Wenn nur ein Teil von dem klappt, über das Dr. Lenin ständig spricht, dann werde die nächsten drei Monate einiges zu sehen bekommen und ordentlich herumkommen. Zudem möchte er, dass ich mit ihm gemeinsam viele Leute interviewe mit denen und für die seine Organisation arbeitet. Daraus soll eine englischsprachige Broschüre entstehen die dann vielfach gedruckt wird. Mal schauen, wäre natürlich stark wenn das funktionieren würde.

Soweit so gut. Ich habe das Gefuehl jetzt ein wenig nuechtern geschrieben zu haben, aber Nuechternheit ist wohl ein gutes Mittel um vieles hier erstmal einfach so hin zu nehmen. Mehr dann bald,

Namaste!

Noch nicht weg

Abendstimmung für's Deutsche Dasein. Dargestellt von einem französischem See.

Abendstimmung für das Deutsche Dasein. Dargestellt von einem kalten See in Frankreich.

Mit Timo am Esstisch sitzen. Es deutscht noch sehr und aus der Küche dringt der Duft von Zwetschgenkuchen in mein rechtes Nasenloch. Ja, nur in mein rechtes, da ich das Gefühl habe, meine schräge Nasenscheidewand verhindert die Luft- und somit auch Duftzufuhr ins linke Nasenloch. Vielleicht auch deshalb meine Unkonzentriertheit. Egal.