Angekommen

Jetzt bin ich da. Ich weiß nicht wie genau sich Kulturschock anzufühlen hat, aber ja, dieses Land ist wahnsinnig. Zumindest diese Stadt. Eigentlich wollte ich in diesem Plock ja überwiegend mit Geschmacksproben arbeiten, kleinen netten Anekdoten und bunten Bildern die entzücken aber nicht erschlagen, aber im Moment bin ich  rede bedürftig, deshalb fang ich mal so an: Was bisher geschah: Nach langem Flug kam ich schlaflos morgens um 4 Uhr Ortszeit in Neu Delhi am Flughafen an. Amar, ein Freund von Helma Ritscher, der Frau aus Remscheid, die mir den Kontakt zur Menschrechtsorganisation PVCHR überhaupt erst ermöglicht hatte, holte mich am Flughafen ab. Freundlich lächelnd stand er da zwischen hunderten anderen Indern die da am Eingang standen um Neuankömmlinge in ihre Rikschas und Taxis zu lotsen. Da mein Flug nach Varanasi erst acht Stunden später starten sollte, fuhr er mich durch die Stadt und erklärte mir viele Dinge in überraschend gutem Deutsch. Ich machte erste Erkenntnisse.

Hier gehts noch

Der Verkehr auf Indischen Straßen funktioniert, aber ich kann absolut nicht nachvollziehen wie: Rikschas, Menschen, Hunde und Autos überall und es ist nur unlogisch, dass es nicht ständig überall kracht. Ich war sehr sehr beeindruckt, doch ich kannte zu dem Zeitpunkt den Verkehr in Varanasi noch nicht. Ich sah auch viele Menschen die irgendwo auf der Straße schliefen, heruntergekommene Gebäude direkt neben Luxushotels, kämpfende Hunderudel und ich nahm mein erstes indisches Frühstück zu mir. Dann ging irgendwann mein Flieger und nach einem weiteren schlaflosen Flug und einem verwirrenden Gespräch mit zwei koreanischen Buddhisten kam ich schließlich in Varanasi an.

Stromausfall während ich am „Gepäckband“ warte. Dann irgendwann wieder Licht und ich geh raus, wo zwei Mitarbeiter der Organisation auf mich warteten. Opendra, der eine von beiden fing gleich  damit an mir auf indischem Englisch alles zu erzählen (Nach zwei Tagen habe ich mich ein wenig dran gewöhnt, aber es ist tatsächlich ein anderes Englisch das hier gesprochen wird, manchmal muss ich  lachen wenn ich nach zweimaligem Nachfragen verstehe welches Wort sich hinter dem Akzent versteckt. Andersherum genauso). Ich saß mit Opendra auf der Rückbank, während Radschu das Auto lenkte. Ich mag Radschu sehr. Er kann zwar kaum Englisch, aber ich liebe seine Art Auto zu fahren. Absolut krank. Der Verkehr in Varansi ist für jedes deutsche Verkehrsverständnis absurd. Aber er funktioniert (wobei Dellen in jedem Auto und zahllose offene Tierleichen am Straßenrand von gewissen Reibungen zeugen). Ich will nicht mit Beschreibungen des indischen Verkehrs langweilen, Worte dafür find ich sowieso nicht, aber symbolisiert alles, was ich bisher von diesem Land kennen lernen durfte. Während man mit offenen Mund daneben steht und keine Ahnung hat wie das Leben hier funktionieren soll, nimmt doch alles irgendwie seinen Lauf. Die Menschen leben in heruntergekommen Häusern oder Huetten. Diejenigen, die vom Land kommen, um in der Stadt zu arbeiten, leben unter Brettern oder einfach da wo der Boden ihnen Platz bietet. Müll und Dreck überall. Hunde und Kinder. Händler in ihren kleinen Buden, in ihren Auslagen gerade mal ein Korb Äpfel oder irgendwelchen Plastikkram.Völlig abgemagerte alte Männer die mühevolle die Pedale ihrer Rikschas treten, auf der Ladefläche einen Berg aus Backsteinen, Kinder in Schuluniformen, viele Eindrücke.

Wo bin ich eigentlich? Die Organisation PVCHR, für die ich die nächsten drei Monate arbeiten werde, hat ihren Sitz nördlich des Stadtzentrums. Hier gibt es keine Touristen

Stromversorgung

Stromversorgung im Buero

und Auslaender. Es arbeiten rund 15 Leute hier, allesamt Inder mit guten bis überhaupt keinen Englischfähigkeiten. Im Erdgeschoss sind vier Büros untergebracht, gefüllt mit Laptops und Computer jeder Generation. Der Gründer und Leiter der Organisation – Dr. Lenin – wohnt zusammen mit seiner Frau Shruti und dem Sohn Cabid im ersten Stock. Auf dem Hausdach wohnen zwischenzeitlich die Bauarbeiter, die gerade am Anbau des Büros arbeiten. Ich habe ein Zimmer im ersten Stock mit Ventilator und Eidechsen an der Decke. Dazu eine Matratze und Wireless-Lan Verbindung. Die Haushälterin Dadi kocht und bringt mir ständig neuen Chaitee vorbei. Ich bin mir noch nicht sicher inwiefern ich das ablehnen darf ohne damit zu beleidigen. Aber eigentlich gibt es dazu auch keinen Grund, denn das zeugs schmeckt super.

Dr. Lenin ist ein absoluter Glücksfall für mich. Sein Englisch ist passabel, aber seine Gedanken und Aktionen faszinierend. Er ist der Sohn eines extrem kommunistischen Vaters und stammt aus einer sehr hohen hinduistischen Kaste. Da er jedoch das Kastendenken ablehnt ist er mittlerweile Budhist und überzeugter Demokrat. In Varanasi ist er wegen seinem Kampf fuer die unteren Kasten und Gleichberechtigung ein sehr angesehener, bei einigen aber auch unbeliebter Mann. Im Dezember fliegt er für eine Woche nach Deutschland, weil er in Weimar den Menschenrechtspreis dieser lieben thüringischen Stadt erhält.

Dr. Lenin und Shruti

Shruti und Dr. Lenin

Der Dok  ist sehr herzlich zu mir und erklärt mir alles von dem ich einiges verstehe. Aber es wird besser. Gestern hat er mich mitgenommen in ein Krankenhaus (Radschu fährt uns immer überall hin, er  ist sein persönlicher Fahrer), dort liegt die Mutter einer seiner engsten Mitarbeiterinnen. Sie hatte einen Herzinfarkt nachdem dem zwei Tage zuvor der Vater ebenfalls an einem Infarkt gestorben war. Der Mutter geht es wieder besser, sie konnte sogar lachen als wir da mit Teilen ihrer Familie standen und Chaitee tranken. Ich verstand den Witz nicht, denn alle reden hier Hindi, aber ich fand es komisch, dass ich als einziger einen Stuhl hatte auf dem ich sitzen musste. Dr. Lenin drängte mich dazu. Es kam bisher schon öfters zu solchen Situationen, als Europäer ist man was anderes, wird ständig betrachtet, belächelt und Kinder starren einen mit offenem Mund an. Die Bilder von Patienten und Zuständen, die mir aus dem Krankenhaus im Kopf hängen geblieben sind, möchten hier nicht erwähnt werden.

Abends Whisky mit Dr. Lenin.

Heute waren wir in einem Dorf bei einer muslimischen Familie. Es ist die Familie von Savana, der Mitarbeiterinnen, deren Mutter wir vortags im Krankenhaus besucht hatten. Wir haben Savana dort hingebracht und sind dann noch einige Stunden geblieben. Es ist schon seltsam wenn man kein Wort versteht von dem was um einen gesprochen wird, aber so bleibt mehr Zeit zu beobachten. Überraschenderweise sind es meistens die Kinder, die einen dann doch mit ein paar Worten Englisch ansprechen. Notiz: Ich will Hindi lernen, ich habe bereits angefangen fleißig Worte zu notieren. Es gab süßen Reis, irgendwelches Fleisch mit ner super Soße und Phulka (Brot). Wir aßen mit der Hand. Ich verkrampft nur mit der rechten, die anderen mit beiden. Übrigens habe ich Klopapier und eine Dusche. Luxus dank Dr. Lenin.

Wenn nur ein Teil von dem klappt, über das Dr. Lenin ständig spricht, dann werde die nächsten drei Monate einiges zu sehen bekommen und ordentlich herumkommen. Zudem möchte er, dass ich mit ihm gemeinsam viele Leute interviewe mit denen und für die seine Organisation arbeitet. Daraus soll eine englischsprachige Broschüre entstehen die dann vielfach gedruckt wird. Mal schauen, wäre natürlich stark wenn das funktionieren würde.

Soweit so gut. Ich habe das Gefuehl jetzt ein wenig nuechtern geschrieben zu haben, aber Nuechternheit ist wohl ein gutes Mittel um vieles hier erstmal einfach so hin zu nehmen. Mehr dann bald,

Namaste!

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10 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. aaskyer
    Okt 21, 2010 @ 11:31:56

    das war keine geschmacksprobe, das war ein ganzes mahl. aber ich habe appetit auf mehr.

    Antwort

  2. Daniel Stahl
    Okt 21, 2010 @ 16:07:42

    Ich freu mich auf den Bericht von deiner ersten eigenen Autofahrt…. Und ich freu mich, dass alles gut klingt!

    Antwort

  3. Axel
    Okt 21, 2010 @ 16:50:04

    Und der Mann heißt wirklich Dr. Lenin? Wunderbar. Viel Spaß weiter, der Anfang war ja schon turbulent. Hoffe, Du überlebst den Verkehr unbeschadet, das ist leider in Indien nicht selbstverständlich, wie Du schon bemerkt hast. Alles Gute und viele Grüße!

    Antwort

  4. saendieskywalker
    Okt 21, 2010 @ 17:45:40

    Yummi. You´ve got me. Bitte viele viele Bilder!

    Heißt wohl, du kommst nicht zu unserer Party, hm??
    Wir denken dann an dich 😉 Aber spannender als Indien wird sie wohl nicht…

    दूर के ढोल सुहावने लगते हैं
    (Die Trommeln erscheinen betörender aus der Ferne;
    „Dur ke dhol suhavane lagte hain“)

    Alvida,
    sandra

    Antwort

  5. Stöpsel
    Okt 21, 2010 @ 19:41:28

    Wow,

    ich fühle mich erinnert an meine wenigen Tage auf dem asiatischen Kontinent (Istanbul soll an dieser Stelle einmal nicht gelten) und staune mit. Alles einatmen und Lederlatschen tragen!

    Antwort

  6. Risky
    Okt 21, 2010 @ 20:50:41

    „Dr. Lenin“ ist echt stark. Jetzt müsst ihr euch nur noch so gut verstehen wie Marx und Engels!

    Antwort

  7. moskyto
    Okt 22, 2010 @ 10:59:42

    bin dir heute auf der kaiserstraße begegnet. du hattest deine papiere vergessen und wolltest lieber ein leicht bekleidetes mädchen im fenster gegenüber betrachten.
    doch nur traumgespinste, hätte auch nicht zu dir gepasst. indien hat dich gepackt, wie schön…

    Antwort

  8. Sté
    Okt 22, 2010 @ 12:11:58

    Gelesen 🙂 Vom dem Verlehr hatte mir meine Tante erzählt. Faszinierend.

    Namaste.

    Antwort

  9. rhea
    Okt 22, 2010 @ 12:39:18

    Chaitee, wird direkt probiert!

    Antwort

  10. Michi
    Okt 29, 2010 @ 15:06:06

    Ausgezeichnet, Dr. Jesus und Dr. Lenin unter einem Dach. Kampf der Weltanschauungen im Brennglas Hausgemeinschaft. Man darf gespannt sein!

    Antwort

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