Nur den Müll vor Augen

„If there is a Nobel Prize for dirt and filth, India will surely get it.“ Eine selbstkritische Feststellung von Jairam Rameshdes, Indischer Ministers für Umwelt und Forst. Und ja, er hat recht. Plastiktüten, Essensreste, kaputte Schuhe, Pappteller liegen hier überall sorglos herum. Vor den Tempeln, in den Innenhöfen, entlang des Ufers des heiligen Ganges und wirklich überall am Wegrand stinkt er vor sich hin. Und außer den Kühen und Hunden scheint sich niemand dafür zu interessieren. Das hat zwei Gründe: Zum Einen haben die meisten Inder kein Bewusstsein für verantwortungsvollen Umgang mit Müll, sie lassen das was sie nicht mehr brauchen einfach fallen. Der eigene Hausmüll gesellt sich zu dem Müll der Nachbarn, am Besten an der nächsten Straßenecke, im Zweifelsfall vor der eigenen Haustüre. Zum Anderen bleibt den meisten Indern aber auch nichts anderes übrig, denn vor ihrem Haus stehen keine gelben, grünen und andersfarbigen Tonnen – es gibt einfach keine Müllabfuhr.

Wobei, es gibt Ansätze von Müllentsorgung. Zum Einen sind das hier in Varanasi die Menschen aus Bangladesh, die – ohne Papiere aber von der Regierung geduldet – vom Müll leben, indem sie Plastikflaschen aufsammeln und dafür von Recyclingunternehmen ein paar Rupie erhalten.

Dann gibt es noch die sogenannten „Ragpickers“, so etwas wie die staatlich finanzierte Müllabfuhr. Sie fahren mit ihren Karren durch die Straßen und sammeln den Müll aus den Haushalten. Sie gibt es nicht in allen indischen Städten. Hier in Varanasi schon, aber nur im Touristengebiet entlang des Ganges. Die Ragpickers stammen ausschließlich aus unteren Kasten oder sind Muslime. Sie werden von der Stadt bezahlt, welche dafür wiederum etwas Geld von der Regierung erhält. So ist das seit 2000 per nationalem Müllentsorgungsgesetz geregelt. Der Plan: Der Staat gibt den Kommunen dafür Geld, dass sie die Müllentsorgung selbstständig organisieren. Die Realität: Es passiert nichts, das Geld versickert.

Mancherorts gibt es auch Müllcontainer.

Der Müll, der tatsächlich eingesammelt wird, landet dann auf großen Deponien am Stadtrand. Diese Berge sind in den letzten Jahrzehnten heftig angewachsen, deshalb wird der Müll einiger Deponien verbrannt und daraus Energie gewonnen, so wie es bei uns ja auch geschieht. Die dabei entstehen Stoffe sind zwar recht giftig, aber nicht minder gefährlich als das Deponiegas, das entsteht, wenn der Müll einfach nur herumliegt und mit der Zeit von Bakterien zersetzt wird. Ungesund und umweltschädlich sind auch die Giftstoffe, die vom Müll ausgehend ins Grundwasser gelangen. Und schließlich fließt alles wieder zu den Menschen zurück. Dabei ist das Wasser hier schon genug durch Bakterien verdreckt. Im Ganges beispielsweise wird die Obergrenze an Bakterien, die ein Bad als gerade noch unbedenklich kennzeichnet, um das 120-fache überschritten. Aber das liegt bestimmt auch ein bisschen an den toten Tieren und Menschen die darin entsorgt werden. Das Kanalisationssystem ist auch eher mittelmäßig. Vielerorts legt es bereitwillig sein miefend schwarzes Blut offen

Die Menschen leben hier im Müll. Doch die Indische Mentalität bringt es mit sich, dass die meisten immer lächelnd und schwierige Lebensumstände ertragend nach vorne blicken. Wohl auch ein Resultat der fehlenden Bildung. Des fehlenden Bewusstseins der eigenen Rechte. Und letztendlich konnten sich in Deutschland auch lange Zeit nur diejenigen Natur- und Umweltschutz leisten, die sonst keine existenziellen Probleme hatten. Wenn sich Menschen hier in Indien um Müll kümmern, dann weil sie davon leben.

Der kritische Europäer blickt also auf das Müllproblem im Ausland und schimpft bestimmt ein bisschen zu arg und pauschel. Außerdem gibt es ja auch Ansätze zu Besserung. Diesen Herbst wurde in einigen Städten beispielsweise eine Informationskampagne gestartet. Es wird erklärt, dass Müllentsorgung gut ist und Müll auf die Straße werfen krank macht, deshalb soll man die Müllcontainer- tonnen verwenden (die aber nicht existieren). Diese Ratschläge stammen wahrscheinlich auch aus der Feder dieses zynischen Umweltministers.

Verschiedene Momente

In Indien fahren Polizisten umsonst mit der Rikscha, Friseure die ihr Handwerk beherrschen kosten 15 Rupie (rund 25 Cent) und die häufigsten Fragen die mir gestellt werden sind „Name? Woher? Verheiratet? Name des Vaters?“. Die Zeit beginnt langsam zu fließen und weiß gar nicht wohin. Irgendwo scheint ein dickes Loch zu sein… hier ein paar Momente dich ich zum Glück festhalten konnte.

Im Hintergrund der massive Tempel, der keinen Eingang besitzt

Ausflug mit Sayugva, Dr. Lenins zweitjüngstem Bruder und mittlerweile ein sehr guter Freund da ähnlicher Humor und viele Gespräche in denen wir unsere jeweiligen Kulturen kritisieren bzw. toll finden. Hier haben wir die Tempel von Sarnath besucht. Sarnath ist ein sehr wichtiger Ort für die Hindus und die Budhisten, da Buddha hier den ersten Unterricht nach seiner Erleuchtung gab. Dazu gibts auch ein Museum mit Jahrtausend alten Statuen, in dem wir aber Probleme mit der Museumsleitung bekamen, da sie davon ausgegangen sind, dass ich Sayugva Geld dafür bezahle, dass er mir alles erklärt. Und dieses Geld will das Museum schließlich selbst verdienen. Dass wir einfach nur Freunde sind, ein weißer und ein Inder die zusammen einen Auslfug machen, das haben sie uns nicht geglaubt. Nach langer Disskusion und Drohungen von Seiten des Museums die Polizei zu rufen durften wir dann doch bleiben.

Dieses Bild entstand, als ich mit Shiv, dem Juristen vom PVCHR, das Gericht der Region Varanasi besuchte. Eine riesige Anlage mit mehreren Tausend Anwälten und Richtern die mit noch mehr Klienten eine für mich unübersichtliche Masse bilden die draußen an unzähligen Tischen und Bänken zwischen Bergen an Akten um das Recht und Geld feilschen. Ich dachte an Kafka und habe Shiv den „Prozess“ erklärt. Auf Englisch eine Herrausforderung, aber ich glaube er hat verstanden. Dieses Bild also stellt eine Gerichtsverhandlung dar. Obwohl Shiv mir versicherte ich könne ein Bild machen, wars dann doch verboten und einer der Leute zerrte mich, mein Handgelenk fest im Griff, vor den „Richter“ der irgendwas sagte was ich nicht verstand. Großes Durcheinander, dann durfte ich gehen. Und so gut ist das Bild nun auch nicht.

Hier mein Hindilehrer Binit. Sehr netter Kerl. Besonders mag ich es, dass er mich übertrieben häufig für mein Hindi und meine Fortschritte lobt. Das macht, dass ich mich gut fühle und dafür gebe ich ihm gerne Geld.

Am End noch ein Video, dass ich aufgenommen hab, während ich in meinem Zimmerle am Laptop saß. Ich habe mittlerweile gemerkt, dass Privatsphäre etwas sehr westliches ist und ein ansozialisiertes Verlangen. In Indien spielt sie dagegen keine Rolle. Die Freunde im Video sind Kinder von außerhalb, die für eine Woche hier im Büro schlafen und täglich für ein Theaterstück proben, dass sie diese Woche irgendwann am Ganges aufführen werden. Wenn sie gerade nicht proben, dann besuchen sie mich. Der sympathische Kerl in der Ecke ist Kabeer, Dr. Lenins Sohn.

Video:

www.youtube.com/watch?v=CNR9pQX3VDQ

 

Schluss.

Dorfleben

Varanasi ist eine wahnsinnige Stadt, die mir von Tag zu Tag vertrauter wird. Irgendwie. Mittlerweile hab ich sogar das Rikschasystem durchblickt und zahle für einmal Ganges und zurück mit der Motorikscha nur noch 30 statt 250 Rupie. Das Geheimnis: Sich immer in Motorrikschas reinsetzen, in denen bereits fünf andere Personen Platz genommen haben und von Verkehrsknotenpunkt zu Verkehrsknotenpunkt fahren lassen. Trotz dieser Erkenntnis geht mir die Stadt jedoch mit ihrem ganzen Lärm, Dreck und Feilschen von Zeit zu Zeit auf den Sack, deshalb war ich froh um die Möglichkeit, für zwei Tage aufs Land zu können.

Anand, ein PVCHR-Mitarbeiter, nahm mich mit in seinen Heimatort rund 70 Kilometer außerhalb von Varanasi. Nach zwei Stunden Motorradfahrt durch unzählige Orte und vorbei an einer mir völlig neuen Welt kamen wir schließlich am Haus von Anands Bruder an. Nach Chai und Essen sind wir von dort aus weiter in ein sehr kleines Dorf gefahren, in dem das PVCHR in Zukunft aktiv werden will. Straßen gibt es hier keine, lediglich Feldwege oder deren Anzeichen. Das Dorf bestand aus ein paar Hütten, zusammengezimmert aus Lehm und Stroh.

Als wir ankamen, haben sich die Bewohner alle rasch zusammengefunden und sich um uns versammelt, ein paar Männer und Jungs kamen sogar extra aus der nahe gelegenen Lehmziegelfabrik, in der sie ab und zu Arbeit finden. Für rund 50 Rupie am Tag. Das PVCHR will künftig Lehrer in das Dorf schicken, um den Kindern Lesen und Rechnen beizubringen. Dazu müssen aber erste mal die Eltern überzeugt werden, dass die Kinder von Bildung in Zukunft mehr profitieren, als von der Arbeit in der Ziegelfabrik heute.

Die Leute haben nichts. Ich habe ja schon einige Male  Armut in Berichten oder in irgendwelchen Reportagen gesehen im Fernsehen gesehen, so vor Ort ist das aber dann doch was anderes. Heftiger. Vor allem wenn dich die Leute in ihre Hütten bringen und Stolz das präsenstieren, was wir als Nichts bezeichnen. Beispielsweise eine kleine Grube im Boden, die die Küche darstellt. Oder ein zerfetztes und vergilbtes Bild vom Affengott Hanumann, als einziges Schmuckstück an der Wand. Einer der Männer hat uns sogar Süßigkeiten angeboten. Es schmeckte nach Sägespänen mit Zucker, aber in Relation gesehen war es wahrscheinlich Kaviar.

Als wir dann gingen sagte noch einer: „Vergesst uns nicht.“ Okay.

Den restlichen Tag haben wir dann mit der Familie von Anand verbracht. Abends gabs Chickencurry zu Essen und später Chai auf der Dachterrasse. Zum Ersten Mal habe ich indische Sterne gesehen. Der große Wagen war nicht dabei. Der Neffe von Anand (übrigens der einzige der wirklich Englisch kann und deshalb mein Dolmetscher während den zwei Tagen) zeigte mir dann noch den Ort und er ließ mich auf seinem Motorrad fahren. Die Nacht dann mit drei Männer in einem Zimmer übernachtet. Sehr viele Moskitos, an meinem rechten Arm zähle ich 13 rote Punkte.

Die Rückfahrt am nächsten Tag eher unangenehm da Verdauungsprobleme aufgrund des vielen Essens und sehr holprige Straße, eine schlechte Mischung.

Einmal Ganges

Heute hatte ich Lust an den Ganges zu gehen, deshalb bin ich hin. Zuvor wollte ich aber eine Sprachschule aufsuchen, um meine Hindifähigkeiten zu verbessern. Ich hatte den Namen und den ungefähren Ort einer solchen Schule (dank Lonely Planet). Die hatte aber leider zu und dann stand ich da. Aber nicht lange, denn in Varanasi steht man nie lange einfach da, sofort ist jemand zur Stelle, um nach deinem Wohlbefinden oder Namen zu fragen. Diesmal ein Mann, der eigentlich am Flughafen arbeitet. Er schien nett und hatte eine Tüte mit Süßigkeiten dabei, deshalb hab ich mich mit ihm unterhalten und wir sind Richtung Ganges gelaufen. Unterwegs kreuzte uns ein Leichenzug: Eine Gruppe Männer die singend eine Leiche richtung Verbrennungsghat am Gangesufer trug. Diesem Zug schlossen wir uns an.

Unter der Folie weiter vorne liegt die Leiche

Unter der Folie weiter vorne liegt die Leiche

Am Ufer angekommen hat sich der Mann mit den Süßigkeiten dann verabschiedet und noch um 2 Rupee gebeten, als Glücksbringer wie er sagte, die hab ich ihm gegeben. Als ich dann da stand am Verbrennungghat war gleich der nächste interessierte Mensch zur Stelle (ob die sich kannten?) und er erklärte mir, dass er hier am Verbrennungsghat arbeite und dann fing er an mir stolz alle wichtigen Details einer solchen Menschenverbrennung zu erklären: Ein Mensch braucht 200-300 Kilo Holz um sich binnen drei Stunden vollständig in Asche zu wandeln. Ganz ohne Petrol. Verbrannt werden alle außer Kinder bis 10 Jahren, Sadus (Heilige), Tiere, Leprakranke, Schwangere und Menschen die von einer Copra gebissen wurden. Weil diese Leute nach den alten Hindi-Regeln nicht verbrannt werden dürfen, werden sie nach ihrem Tod an einen Stein gebunden und in den Ganges geworfen. Dem Verbennungsprozedere zuzusehen ist seltsam. Es riecht sehr süß, es herrscht hecktischer Betrieb, eher wie auf einem Markt, gleichzeitig aber eine bedachte Konzentriertheit. Danach wollte er Geld, weil er mir das alles erklärt hatte, außerdem kannte er noch jemand der mir Hasch verkaufen kann. Ich hab ihm 20 Rupie gegeben und bin gegangen.

Dann eine Bootsfahrt. Der Bootsfahrer war nett und er hatte auch sein kleines Kind dabei. Doch auch er nutzte die Gelegenheit, um mir während der Intimität der Bootsfahrt Hasch anzubieten. Ich lehnte hartnäckig ab, machte aber dafür aus der Ferne dieses Bild der Verbrennungsstelle. Außer der Nähe ist es ja verboten, aber vom Ganges aus sei es erlaubt, sagte der Bootsfahrer.

Dann bin ich noch etwas weiter den Ganges entlangspaziert. Ständig wollen Leute einem was zeigen oder verkaufen, es ist tatsächlich etwas lästig. Aber ich versuche dennoch offen zu bleiben und es lohnt sich. Ein Inder Mitte zwanzig sprach mich an, sein Name Milan, und wir unterhielten uns. Er sagte er studiere Design und komme eigentlich aus Nepal  (weiß nicht ob das stimmt). Dann sind wir an einer Bar vorbeigekommen in der ein Konzert in klassischer Indischer Musik gegeben wurde. Gespielt wurde Sitar und Tablas. Sehr angenehme Atmosphäre, wir lagen auf dem Boden und lauschten den Klängen mit dem Herzen, nicht mit dem Ohr – darauf wies uns der Sitarspieler jedenfalls mehrmals hin.

Video:

Danach bin ich dann Heim, Milan wollte mir letztendlich auch nichts verkaufen (außer ein bisschen Hasch, doch er fragte sehr vorsichtig) das fand ich fast sympatisch.

Happy Diwali

Nach 14 Jahren Exil und dem Sieg über das Böse kehrt Rama endlich zurück um den lange verdienten Königstitel entgegenzunehmen. Deswegen wird in Indien heute Diwali gefeiert was soviel heißt wie „Lichterschwarm“. Alle Häußer sind voller Lichterketten und überall stehen unzähliche Kerzen herum, ziemlich schön anzuschauen. An diesem für die Hindis sehr wichtigen Tag schenkt man sich gegenseitig Süßigkeiten, nimmt sich in den Arm und die Kinder legen sich einen riesigen Vorrat an Böllern an, so dass es seit gestern abend ununterbrochen detoniert und in den Ohren fiept. Ohne Witz, manche von den Krachern sind dermaßen heftig, dass man auch aus 30 Metern einen Hitzeschwall auf der Haut spürt während einem das Trommelfell richtung Hirn gepresst wird. Opferzahlen liegen noch keine vor, aber mich würde nichts wundern. Naja, das ist schon wieder die deutsche Sichtweise… 

Ich hab den Tag größtenteils zusammen mit Dr. Lenin zweitjüngstem Bruder verbracht. Er war mit mir in einem Tempel und anschließend hat er mich in alles Wissenswerte des Diwalifestes eingeweiht.  Zeitweise bin ich sogar mit rotem Punkt auf der Stirn herumgelaufen und fühlte mich sehr indisch. Den Rest des Tages haben wir auf  der Dachterasse verbracht, mit Sohn, Neffen und Nichten von Dr. Lenin Krach gemacht, Töpfe in die Luft gejagt, Lieder gesungen (ich konnte keines, da hab ich die Jahresuhr vorgetragen und was von den Ärzten) und den Lichterschwarm da draußen betrachtet.