Dorfleben

Varanasi ist eine wahnsinnige Stadt, die mir von Tag zu Tag vertrauter wird. Irgendwie. Mittlerweile hab ich sogar das Rikschasystem durchblickt und zahle für einmal Ganges und zurück mit der Motorikscha nur noch 30 statt 250 Rupie. Das Geheimnis: Sich immer in Motorrikschas reinsetzen, in denen bereits fünf andere Personen Platz genommen haben und von Verkehrsknotenpunkt zu Verkehrsknotenpunkt fahren lassen. Trotz dieser Erkenntnis geht mir die Stadt jedoch mit ihrem ganzen Lärm, Dreck und Feilschen von Zeit zu Zeit auf den Sack, deshalb war ich froh um die Möglichkeit, für zwei Tage aufs Land zu können.

Anand, ein PVCHR-Mitarbeiter, nahm mich mit in seinen Heimatort rund 70 Kilometer außerhalb von Varanasi. Nach zwei Stunden Motorradfahrt durch unzählige Orte und vorbei an einer mir völlig neuen Welt kamen wir schließlich am Haus von Anands Bruder an. Nach Chai und Essen sind wir von dort aus weiter in ein sehr kleines Dorf gefahren, in dem das PVCHR in Zukunft aktiv werden will. Straßen gibt es hier keine, lediglich Feldwege oder deren Anzeichen. Das Dorf bestand aus ein paar Hütten, zusammengezimmert aus Lehm und Stroh.

Als wir ankamen, haben sich die Bewohner alle rasch zusammengefunden und sich um uns versammelt, ein paar Männer und Jungs kamen sogar extra aus der nahe gelegenen Lehmziegelfabrik, in der sie ab und zu Arbeit finden. Für rund 50 Rupie am Tag. Das PVCHR will künftig Lehrer in das Dorf schicken, um den Kindern Lesen und Rechnen beizubringen. Dazu müssen aber erste mal die Eltern überzeugt werden, dass die Kinder von Bildung in Zukunft mehr profitieren, als von der Arbeit in der Ziegelfabrik heute.

Die Leute haben nichts. Ich habe ja schon einige Male  Armut in Berichten oder in irgendwelchen Reportagen gesehen im Fernsehen gesehen, so vor Ort ist das aber dann doch was anderes. Heftiger. Vor allem wenn dich die Leute in ihre Hütten bringen und Stolz das präsenstieren, was wir als Nichts bezeichnen. Beispielsweise eine kleine Grube im Boden, die die Küche darstellt. Oder ein zerfetztes und vergilbtes Bild vom Affengott Hanumann, als einziges Schmuckstück an der Wand. Einer der Männer hat uns sogar Süßigkeiten angeboten. Es schmeckte nach Sägespänen mit Zucker, aber in Relation gesehen war es wahrscheinlich Kaviar.

Als wir dann gingen sagte noch einer: „Vergesst uns nicht.“ Okay.

Den restlichen Tag haben wir dann mit der Familie von Anand verbracht. Abends gabs Chickencurry zu Essen und später Chai auf der Dachterrasse. Zum Ersten Mal habe ich indische Sterne gesehen. Der große Wagen war nicht dabei. Der Neffe von Anand (übrigens der einzige der wirklich Englisch kann und deshalb mein Dolmetscher während den zwei Tagen) zeigte mir dann noch den Ort und er ließ mich auf seinem Motorrad fahren. Die Nacht dann mit drei Männer in einem Zimmer übernachtet. Sehr viele Moskitos, an meinem rechten Arm zähle ich 13 rote Punkte.

Die Rückfahrt am nächsten Tag eher unangenehm da Verdauungsprobleme aufgrund des vielen Essens und sehr holprige Straße, eine schlechte Mischung.

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3 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Zibbi
    Nov 11, 2010 @ 18:05:23

    Muss man da nicht manchmal über materielle Besitztümer lachen? Oder werden sie wichtiger?

    Antwort

    • sbraig
      Nov 12, 2010 @ 08:14:17

      Naja, man erkennt den eigenen materiellen Überfluss der einen betäubt, gleichzeitig aber vermisse ich den Luxus unserer WG-Küche und die Deutsche Reinlichkeit. Falls du aber jemanden kennst der die Schlafcouch aus meinem Zimmer braucht (die von Tine), kann er sie gerne haben. Was ist schon materieller Besitz?

      Antwort

  2. Ari
    Nov 12, 2010 @ 18:03:09

    Hey moment mal, was hast du denn gegen Sägespäne mit Zucker? Ich dachte du stehst auf Sägespäne mit Honig, so groß ist der Unterschied jetzt auch nicht!
    Ich verfolge fleißig den Block, habe aber eigentlich nicht das Bedürfnis zu kommentieren, da ich jeden Kommentar aus Deutschland hier irgendwie überflüssig empfinde. Naja, außer halt den. Das hat mich schon aufgeregt, dass du die Sägespäne so runtermachst.
    Schnurrbart sieht übrigens cool aus 😉
    Gruß Ari

    Antwort

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